...mit Charlie Chaplin

601. die Zukunft

das Gewimmer in der Sitzreihe hinter mir bei der Vorführung von Charlie Chaplins Film "Circus" im Kino in Vevey im Mai 1969, dieses sirenenartige Heulen, das sich anhörte, als schalle es über weite Ebenen und frisch vernarbte Grenzen in diesen Tag hinein, und das mir wohl nur deshalb noch jetzt in den Ohren hallt, weil mir ein Blick nach hinten verraten hatte, dass es niemand anders war, als der greise Charles Chaplin, der da vor seinem jugendlichen Abbild auf der Leinwand weinte, jammerte angesichts einer Vergangenheit, die nur die Tränen jenes Menschen weckt, dessen Zukunft schon vorbei ist.

Peter K. Wehrli und Charlie Chaplin

954. die Humanitätswut

mein unentwegter Blick auf Charles Chaplin beim Empfang im Garten seines Hauses in Vevey am 16. April 1969, dieses beharrliche Beobachten seiner Motorik, seiner Mimik und seines gestischen Verhaltens, von dem ich mir - wie ich nachher feststellen sollte: irrtümlicherweise - Aufschluss erhofft hatte über das, was Jean Cocteau gemeint haben könnte, als er nach einem Treffen mit Charles Chaplin am 18.November 1952 in sein Tagebuch schrieb: "Er hat eine kindliche Humanitätswut",

954a.

und mein, angesichts der Ergebnislosigkeit meines beobachtenden Starrens erst nach der Abfahrt aus Vevey aufkeimender Verdacht, meine Aufmerksamkeit der falschen Sache zugewandt zu haben, als ich Gestik und Mimik nach Zeichen von "kindlicher Humanitätswut" absuchte, anstatt das, was er sagte und meinte, in dieser Runde und in seinen Filmen.